In der Neuen Zürcher Zeitung vom 16. März 2026 erschien eine Reportage mit Äusserungen Zürcher Gymnasiasten über den Einsatz von KI im Schulalltag. Die Aussagen lassen sich zu fünf zentralen Befunden bündeln.
- KI senkt die Lernanstrengung.
Mehrere Schülerinnen sagen offen, dass sie heute weniger für die Schule arbeiten. Informationen seien jederzeit verfügbar, eine kurze Nachfrage an Chat-GPT ersetze Recherche oder eigenes Nachdenken.
- KI wird systematisch zum Schummeln eingesetzt.
Die Schüler beschreiben konkrete Praktiken: fotografierte Prüfungen, Zusammenfassungen von Büchern statt Lektüre, automatisierte Antworten bei Hausaufgaben.
- KI verändert den Unterricht - auch auf Lehrerseite.
Lehrpersonen erzeugen Aufgaben ebenfalls mit Chatbots. Dadurch entsteht ein paradoxes Setting: Lehrkräfte generieren Aufgaben mit KI, Schüler lösen sie wiederum mit KI.
- Das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern verschiebt sich.
Schüler berichten von wachsendem Misstrauen. Lehrpersonen versuchen anhand von Sprachmerkmalen (z. B. ungewöhnlicher Wortschatz oder "ß") KI-Texte zu erkennen.
- Gleichzeitig erkennen Schüler einen realen Nutzen.
Einige berichten, dass KI ihnen erstmals komplexe Inhalte verständlich erkläre. In diesem Sinn erscheint Chat-GPT als "besserer Lehrer".
Diese Ambivalenz - Bequemlichkeit, Betrug und tatsächliche Lernhilfe - bildet den Kern des Problems.
KI im Klassenzimmer: Lernen oder Simulation?
Am Realgymnasium Rämibühl in Zürich sitzen sechs Gymnasiasten zusammen und sprechen ungewöhnlich offen über ihren Schulalltag. Sie stehen kurz vor der Matur. Und sie gehören zu jener Generation, deren Schulzeit zeitlich fast genau mit dem Durchbruch generativer KI zusammenfällt.
"Man wird fauler", sagt eine Schülerin. Eine Frage an Chat-GPT genüge, und eine Erklärung erscheine sofort. Gleichzeitig räumt sie ein, dass genau diese Hilfe manchmal entscheidend sei, wenn ein Unterrichtsstoff unverständlich bleibe.
Die Szene, die der Journalist Giorgio Scherrer in der Neue Zürcher Zeitung schildert, beschreibt ein Bildungssystem im Übergang. KI wird von Schülern genutzt - und von Lehrern. Und gerade deshalb verändert sich das Lernen selbst.
Wenn Aufgaben und Lösungen von derselben Maschine stammen
Die Schüler berichten von einer merkwürdigen Situation. Lehrpersonen erzeugen Aufgaben mit KI. Die Schüler lösen sie wiederum mit KI. Das Ergebnis ist eine Art pädagogische Simulation.
"Jede Aufgabe von uns liest die exakt gleiche Antwort vor - und die Lehrerin hat auch die gleiche", sagt eine Schülerin.
Das Problem ist nicht neu, aber die Technologie verschärft es. Schon lange warnen Bildungsforscher davor, dass Schule in eine Routine aus Aufgabenproduktion und Reproduktion kippen kann.
Der amerikanische Pädagoge John Hattie beschreibt Lernen als Prozess aktiver Auseinandersetzung. Lernen entstehe nicht durch Informationen, sondern durch Verarbeitung und Anwendung (Hattie, 2009, Visible Learning).
Wenn KI sowohl Aufgaben als auch Antworten liefert, verschwindet genau dieser Prozess.
Oberflächenlernen statt Verständnis
Mehrere Schüler sagen offen, dass sie Bücher nicht mehr vollständig lesen. Stattdessen fotografieren sie Seiten und lassen sich Zusammenfassungen erstellen.
Dieser Befund passt zu einer gut erforschten Lernform: dem sogenannten surface learning.
Der australische Bildungsforscher John Biggs unterscheidet zwischen
- surface learning (oberflächliches Lernen)
- deep learning (tiefes Verständnis).
Surface learning konzentriert sich auf kurzfristige Reproduktion - etwa Auswendiglernen für eine Prüfung. Deep learning dagegen verlangt eigenständige Analyse und Verknüpfung.
Digitale Hilfsmittel können beide Formen unterstützen. Doch wenn sie primär als Abkürzung eingesetzt werden, fördern sie tendenziell Oberflächenlernen.
Darauf weist auch die britische Bildungshistorikerin Maryanne Wolf hin. In Reader, Come Home (2018) argumentiert sie, dass digitale Informationskulturen längere Aufmerksamkeit und vertiefte Lektüre erschweren.
Die produktive Seite der KI
Die Schüler berichten allerdings auch von einer anderen Erfahrung.
Ein Gymnasiast erklärt, dass er Wirtschaft erst verstanden habe, nachdem er seine Unterrichtsdossiers von Chat-GPT erklären ließ.
Dieser Effekt ist ebenfalls plausibel. KI kann eine Rolle übernehmen, die der Pädagogik seit langem vertraut ist: die des individuellen Tutors.
Der Bildungstechnologe Benjamin Bloom zeigte bereits in den 1980er Jahren, dass Einzelunterricht deutlich bessere Lernergebnisse erzielt als Frontalunterricht (Bloom, 1984, "The 2 Sigma Problem").
Eine KI kann - zumindest teilweise - diese Rolle übernehmen, indem sie
- Fragen beantwortet
- Erklärungen vereinfacht
- alternative Beispiele liefert.
Die Schüler beschreiben genau diesen Effekt.
Das zentrale Problem: Prüfung und Anreiz
Die entscheidende Beobachtung der Schüler ist jedoch eine andere.
"Es gibt keinen Anreiz, es selbst zu machen", sagt eine Schülerin.
Damit benennt sie das Kernproblem jeder Bildungsinstitution: Lernen folgt Anreizen.
Wenn Hausaufgaben oder Essays problemlos automatisiert werden können, sinkt der Nutzen eigenständiger Arbeit.
Die Konsequenz ist klar: Das Prüfungsformat bestimmt das Lernverhalten.
Warum Paper-and-Pencil-Prüfungen wieder wichtiger werden
Viele Bildungssysteme reagieren bereits darauf. Universitäten in den USA und Europa führen wieder häufiger handgeschriebene Prüfungen ein.
Der Grund ist einfach: In einer beaufsichtigten Präsenzprüfung ohne digitale Geräte ist KI nicht verfügbar.
Studierende wissen das. Und deshalb üben sie wieder eigenständig.
Der Bildungsethiker Neil Selwyn argumentiert, dass technische Lösungen allein nicht ausreichen. Entscheidend sei die Gestaltung von Lernumgebungen (Selwyn, 2023, Education and Technology).
Wie Unterricht sich verändern muss
Aus der Forschung lassen sich mehrere Prinzipien ableiten.
- Aufgaben dürfen nicht automatisierbar sein
Aufgaben sollten daher stärker auf
- Interpretation
- Diskussion
- Anwendung
setzen.
- Präsenzarbeit gewinnt an Bedeutung
Seminare, Diskussionen und mündliche Leistungen lassen sich kaum automatisieren.
Der Unterricht muss stärker auf gemeinsame Denkprozesse im Klassenzimmer setzen.
- Schriftliche Prüfungen müssen beaufsichtigt werden
Wenn Schüler wissen, dass Abschlussprüfungen ohne Hilfsmittel stattfinden, entsteht ein klarer Anreiz:
Sie müssen Fähigkeiten tatsächlich beherrschen.
- KI muss selbst Unterrichtsgegenstand werden
Mehrere Schüler fordern genau das.
Die Schule solle ihnen beibringen, "wie man richtig mit Chat-GPT umgeht".
Der Informatiker Ethan Mollick beschreibt KI als "kognitiven Partner". Lernen müsse daher den Umgang mit diesem Partner trainieren (Mollick, 2023).
Eine neue Lernkultur
Die Zürcher Schüler sind sich selbst nicht einig.
Am Ende der Diskussion stellt jemand eine einfache Frage: Macht KI Schüler dümmer oder klüger?
Einige Hände heben sich für die eine Antwort, einige für die andere.
Die Mehrheit bleibt unentschieden.
Diese Unsicherheit beschreibt den Zustand des Bildungssystems ziemlich genau.
Die Technologie verändert das Lernen nicht nur. Sie zwingt Schule, sich selbst neu zu definieren.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Lektion dieser Reportage.
