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KKI, Bildung und Schule

Vollständige Artikelfassung

Medien & Gesellschaft30. Juli 2026

Der letzte analoge Ort

Von Volker Wacker

Im Klassenzimmer summt heute die Zukunft. Tablets liegen auf den Tischen. Künstliche Intelligenz formuliert Zusammenfassungen in Sekunden.

Abbildung 1 zum Beitrag "Der letzte analoge Ort"

Im Klassenzimmer summt heute die Zukunft. Tablets liegen auf den Tischen. Künstliche Intelligenz formuliert Zusammenfassungen in Sekunden. Informationen sind jederzeit verfügbar. Noch nie hatten junge Menschen einen so schnellen Zugang zu Wissen.

Und doch könnte die wichtigste Aufgabe der Schule darin bestehen, etwas zu bewahren, das plötzlich aus der Zeit gefallen wirkt: das langsame, konzentrierte Lesen.

Wer eine Oberstufenklasse beobachtet, erkennt rasch einen Widerspruch. Schülerinnen und Schüler bewegen sich souverän durch digitale Welten. Sie recherchieren in Sekunden, wechseln mühelos zwischen Anwendungen und kommunizieren in einer Geschwindigkeit, die ältere Generationen oft staunen lässt.

Gleichzeitig berichten Lehrkräfte nahezu aller Fächer von einer anderen Erfahrung. Vielen Jugendlichen fällt es schwer, längere Texte wirklich zu durchdringen. Nicht das Entziffern der Wörter bereitet Probleme. Sondern das geduldige Verfolgen eines Gedankens über mehrere Seiten hinweg.

Das betrifft nicht nur den Deutschunterricht.

Geschichte lebt von der Fähigkeit, Ursachen und Folgen zu verbinden. Politik verlangt, Argumente gegeneinander abzuwägen. Naturwissenschaften setzen voraus, dass man komplexe Zusammenhänge nachvollziehen kann. Wer einen historischen Quellentext, eine wissenschaftliche Studie oder einen Leitartikel nicht versteht, verliert den Zugang zu einem wesentlichen Teil moderner Bildung.

Deshalb ist Lesen weit mehr als eine Kulturtechnik. Es ist eine Denkform.

Der Psycholinguist Falk Huettig vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik weist darauf hin, dass Lesen das Gehirn tiefgreifend verändert. Wer liest, trainiert Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Abstraktionsvermögen zugleich. Das Gehirn erkennt Muster, bildet Erwartungen, prüft Bedeutungen und verknüpft Informationen. Lesen vermittelt nicht nur Wissen. Lesen organisiert Denken.

Die digitale Welt folgt einer anderen Logik. Sie belohnt Geschwindigkeit. Aufmerksamkeit wandert von Reiz zu Reiz. Jede Nachricht konkurriert mit der nächsten. Jeder Gedanke steht unter dem Druck der Unterbrechung.

Das ist kein Kulturverfall. Es ist die Funktionsweise digitaler Medien.

Die Frage lautet deshalb nicht, ob Schulen digital arbeiten sollen. Sie müssen es. Wer junge Menschen auf Studium, Beruf und Gesellschaft vorbereiten will, kann auf digitale Werkzeuge nicht verzichten. Künstliche Intelligenz wird den Unterricht ebenso verändern wie einst Taschenrechner oder Internet.

Entscheidend ist eine andere Frage: Welche Fähigkeiten drohen verloren zu gehen, wenn alles schneller, kürzer und effizienter wird?

Hier gewinnt die Schule eine neue Bedeutung.

Sie ist einer der wenigen Orte, an denen sich der Takt der digitalen Welt bewusst verlangsamen lässt. Ein Ort, an dem junge Menschen lernen können, bei einer Sache zu bleiben. Einen schwierigen Text nicht nach drei Absätzen wegzuwischen. Eine Argumentation bis zum Ende zu verfolgen. Widersprüche auszuhalten, statt sofort zur nächsten Information weiterzuklicken.

Gerade darin liegt eine Stärke des Unterrichts, die oft unterschätzt wird.

Schule sollte nicht versuchen, Google zu übertreffen. Gegen Suchmaschinen wird sie immer langsamer sein. Sie sollte auch nicht versuchen, mit sozialen Netzwerken um Aufmerksamkeit zu konkurrieren. Diesen Wettbewerb kann sie nicht gewinnen.

Ihre Aufgabe ist anspruchsvoller.

Sie muss Fähigkeiten fördern, die außerhalb der Schule immer seltener eingeübt werden: Konzentration, Ausdauer, Urteilsvermögen und intellektuelle Geduld.

Vielleicht erklärt sich daraus ein scheinbares Paradox. Je digitaler die Welt wird, desto wichtiger werden analoge Lernformen. Nicht aus Nostalgie. Nicht aus Technikfeindlichkeit. Sondern weil bestimmte geistige Fähigkeiten Zeit, Ruhe und Widerstand gegen Ablenkung benötigen.

Das stille Lesen eines anspruchsvollen Textes wirkt heute unspektakulär. Es erzeugt keine Klickzahlen. Es produziert keine Reichweite. Es hinterlässt keine Datenspur.

Aber genau darin könnte sein Wert liegen.

In einer Gesellschaft, die immer schneller kommuniziert, wird die Fähigkeit, langsam und gründlich zu denken, zu einer knappen Ressource.

Und vielleicht ist das Klassenzimmer einer der letzten Orte, an denen sie noch systematisch gepflegt wird