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KKI, Bildung und Schule

Vollständige Artikelfassung

Bildungspolitik28. Juli 2026

Gesündere Lehrkräfte? Dann streichen wir endlich Aufgaben.

Von Volker Wacker

Kaum klagt eine Schule über überlastete Lehrkräfte, folgt meist automatisch die nächste Initiative: ein Resilienzprogramm, ein Gesundheitstag, ein Coachingangebot oder eine Fortbildung.

Abbildung 1 zum Beitrag "Gesündere Lehrkräfte? Dann streichen wir endlich Aufgaben."

Kaum klagt eine Schule über überlastete Lehrkräfte, folgt fast automatisch die nächste Initiative: ein Resilienzprogramm, ein Gesundheitstag, ein Coachingangebot oder eine Fortbildung. Die eigentliche Frage wird dagegen erstaunlich selten gestellt: Welche Aufgaben können wir einfach streichen?

Vielleicht besteht genau darin der größte Denkfehler der Schulpolitik. Gesundheit soll verbessert werden, ohne die Arbeit selbst zu verringern.

Eine bemerkenswerte Studie der Psychologen Gabrielle S. Adams, Benjamin A. Converse, Andrew H. Hales und Leidy E. Klotz liefert dafür eine überraschende Erklärung. Die Forscher zeigten 2021 in der Fachzeitschrift Nature, dass Menschen Probleme fast automatisch durch Hinzufügen lösen wollen. Wir suchen nach einer zusätzlichen Maßnahme, einer weiteren Regel oder einem neuen Angebot. Lösungen, die auf Weglassen beruhen, ziehen wir deutlich seltener überhaupt in Betracht.

Diese Denkfalle prägt nicht nur einzelne Menschen. Sie prägt auch Organisationen. Und kaum irgendwo zeigt sich das deutlicher als in der Schule.

Jede neue gesellschaftliche Herausforderung bringt neue Aufgaben mit sich: Medienbildung, Demokratiebildung, Prävention, Digitalisierung, Nachhaltigkeit, Inklusion, Datenschutz, Evaluation oder Dokumentation. Für sich genommen wirkt fast jede dieser Aufgaben sinnvoll. Das Problem liegt woanders: Kaum etwas verschwindet wieder.

So wächst die Belastung von Lehrkräften selten durch eine einzelne große Reform. Sie wächst durch viele kleine Ergänzungen. Ein weiteres Formular. Eine zusätzliche Dateneingabe. Noch eine Arbeitsgruppe. Noch eine Informationsveranstaltung. Noch eine E-Mail-Schleife. Noch eine Evaluation. Jede einzelne Maßnahme kostet nur wenig Zeit. Zusammen verändern sie den Beruf grundlegend.

Schulen scheitern oft nicht daran, dass sie zu wenig gute Ideen haben. Sie scheitern daran, dass sie alte Ideen nie beenden.

Die Forschung bestätigt inzwischen, dass genau diese strukturellen Belastungen entscheidend sind. Internationale Übersichtsarbeiten beschreiben den Lehrerberuf seit Jahren als besonders stressbelastet. Hohe Arbeitsverdichtung, umfangreiche Korrekturen, administrative Aufgaben und Dokumentationspflichten zählen zu den wichtigsten Ursachen für Überlastung. Organisationale Veränderungen können das Wohlbefinden verbessern. Trotzdem konzentrieren sich viele Maßnahmen weiterhin auf die einzelne Lehrkraft: Resilienztrainings, Achtsamkeitskurse oder Coaching.

Das greift zu kurz. Wenn die Belastung überwiegend durch die Organisation der Arbeit entsteht, lässt sie sich nicht allein durch größere Belastbarkeit lösen.

Gerade Schulen könnten von einem Perspektivwechsel profitieren. Statt immer zuerst zu fragen: "Was brauchen wir zusätzlich?", sollte häufiger die Gegenfrage gestellt werden: "Worauf können wir verzichten?"

Wie viele Konferenzen führen tatsächlich zu besseren Entscheidungen? Welche Dokumentationen werden später noch genutzt? Welche Routinen erfüllen heute noch ihren ursprünglichen Zweck - und welche existieren nur deshalb, weil sie irgendwann einmal eingeführt wurden?

Besonders deutlich zeigt sich dieses Prinzip bei der Korrektur von Schülerarbeiten.

Viele Sprachlehrkräfte verbringen einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit mit vollständigen Fehlerkorrekturen. Die lernpsychologische Forschung zeigt jedoch seit Langem, dass Schülerinnen und Schüler von einer Fülle roter Anmerkungen oft nur begrenzt profitieren. Entscheidend ist vielmehr, typische Fehlermuster zu erkennen und gezielt daran zu arbeiten.

Künstliche Intelligenz eröffnet hier erstmals einen echten Ausweg. Sie kann anonymisierte Schülertexte auswerten, Fehlercluster erkennen und passgenaue Übungsmaterialien erstellen. Die Lehrkraft konzentriert sich anschließend auf zwei oder drei zentrale Lernprobleme der Klasse statt auf zwanzig verschiedene Einzelkorrekturen. Weniger Korrektur kann so zu mehr Lernen führen. Genau dieses Prinzip wurde bereits in einem früheren Beitrag dieses Blogs vorgestellt.

Dasselbe Denken ließe sich auf die gesamte Schulorganisation übertragen.

Warum nicht einmal im Jahr einen verbindlichen "Entlastungs-Audit" durchführen? Schulleitung und Kollegium könnten jede wiederkehrende Aufgabe einer einfachen Prüfung unterziehen:

  • Ist sie rechtlich vorgeschrieben?
  • Verbessert sie nachweislich den Unterricht?
  • Wird ihr Ergebnis tatsächlich genutzt?
  • Lässt sie sich vereinfachen oder ganz streichen?

Natürlich lässt sich nicht jede Belastung beseitigen. Abschlussprüfungen, Elterngespräche, Leistungsbewertung oder Förderplanung gehören zum Kern schulischer Arbeit. Gerade deshalb lohnt sich der kritische Blick auf alles, was lediglich historisch gewachsen ist oder sich im Laufe der Jahre schichtweise angesammelt hat.

Diese Perspektive verändert auch den Blick auf Bildungspolitik. Reformen werden häufig daran gemessen, was neu eingeführt wurde. Neue Programme signalisieren Aktivität. Das Abschaffen bestehender Pflichten erzeugt dagegen kaum öffentliche Aufmerksamkeit. Politisch erscheint Addition attraktiver als Reduktion.

Für die Gesundheit von Lehrkräften könnte jedoch genau das Gegenteil gelten.

Dabei eröffnet gerade künstliche Intelligenz neue Möglichkeiten. Sie kann Routineaufgaben beschleunigen, Dokumente strukturieren, Materialien erstellen oder wiederkehrende Arbeitsprozesse vereinfachen. Der eigentliche Gewinn entsteht aber nur dann, wenn die dadurch frei werdende Zeit nicht sofort wieder mit neuen Aufgaben gefüllt wird.

Vielleicht braucht das deutsche Schulwesen deshalb gar nicht zuerst das nächste Gesundheitsprogramm.

Vielleicht braucht es den Mut, sich eine viel einfachere Frage zu stellen:

Worauf können wir verzichten, ohne dass Schule dadurch schlechter wird?

Gute Schulentwicklung beginnt vielleicht nicht mit der Frage: "Was machen wir als Nächstes?" Sondern mit der unbequemeren: "Was können wir endlich weglassen?"