Ein Interview der Badischen Zeitung (10.9.2025) mit Benedikt Sauerborn, Geschäftsführer des neuen KI-Zentrums des KM des Landes BW in Heilbronn, zeigt, wie stark künstliche Intelligenz das Lernen verändert. Doch wie neu sind seine Einsichten - und wo bleiben die Antworten auf die Prüfungsrealität?
KI als Alltagstechnologie
Zwei Drittel der Jugendlichen nutzen Sprachmodelle wie ChatGPT bereits selbstverständlich. Für sie ist KI keine Zukunft, sondern Gegenwart. Sauerborn betont: Schule muss darauf reagieren - und den Umgang mit KI in Lernprozesse einbauen.
"Critical Thinking" als Leitmotiv
Sauerborns Schlüsselbegriff ist kritisches Denken. Schülerinnen und Schüler sollen KI nicht blind übernehmen, sondern prüfen, vergleichen, reflektieren. Lehrkräfte werden damit zu Rollenmodellen, die zeigen, wie man produktiv mit Chatbots arbeitet.
Ungleichheit im Klassenzimmer
Ein zentrales Risiko: Kinder aus bildungsnahen Familien tun sich leichter, KI sinnvoll zu nutzen. Wer zuhause keine Unterstützung hat, bleibt schneller Konsument statt Gestalter. Schule soll diesen Rückstand ausgleichen - ein Anspruch, der anspruchsvoller klingt, als er praktisch zu erfüllen ist.
Neue Werkzeuge im Einsatz
Neben Chatbots verweist Sauerborn auf Intelligente Tutorielle Systeme (ITS), die Aufgaben individuell zuschneiden und nachweislich Lernzuwachs bringen. Länder mit starken PISA-Ergebnissen nutzen solche Systeme längst.
Der blinde Fleck: Prüfungen
Doch hier beginnt die Leerstelle. So überzeugend Sauerborn über Motivation, Selbstwirksamkeit und produktiven KI-Einsatz spricht: Er schweigt zum Kernproblem. Schule ist kein freier Lernraum, sondern geprägt von Prüfungen - Klausuren, Abitur, Aufnahmetests. Diese Formate entscheiden, was gelernt wird und welche Strategien zählen.
- KI ist im Unterricht willkommen, aber in Prüfungen meist tabu.
- Selbstwirksamkeitserfahrungen prallen auf das Diktat der Note.
- Ohne Reform der Prüfungsformate bleibt KI ein Hilfsmittel ohne Systemwirkung.
Gute Ideen, offene Fragen
Sauerborn liefert ein optimistisches Bild. KI kann Lernprozesse bereichern, zum Denken anregen und Schülerinnen wie Schüler selbstwirksam machen. Aber solange die Prüfungsrealität unverändert bleibt, wird KI zur Nebenspur - hilfreich im Alltag, wirkungslos im entscheidenden Moment.
Die eigentliche Frage lautet daher: Verändert KI auch die Prüfungen - oder bleibt sie bloß ein smarter Helfer fürs Lernen nebenbei?