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KKI, Bildung und Schule

Vollständige Artikelfassung

Essay & Kritik

Schule als analoger Gegenraum

Von Volker Wacker

Warum analoger Unterricht in der KI-Ära keine Nostalgie ist, sondern eine pädagogische Aufgabe

Warum analoger Unterricht in der KI-Ära keine Nostalgie ist, sondern eine pädagogische Aufgabe

Wer heute ein Klassenzimmer betritt, betritt einen der letzten Orte, an dem nicht jeder Impuls sofort beantwortet wird. Kein Wischen. Kein Ping. Kein zweites Fenster. Das klingt klein. Es ist groß.

Denn Schule konkurriert nicht mehr nur mit anderen Lernorten. Sie konkurriert mit einem Ökosystem, das rund um die Uhr Aufmerksamkeit abschöpft. Es liefert Reize, Antworten, Bilder, Stimmen, Bestätigung. Es ist schneller als jede Lehrkraft. Aber es kann etwas nicht: einen Raum schaffen, in dem Denken langsam werden darf.

Analoger Unterricht ist deshalb keine Gegenbewegung zur Digitalisierung. Er ist ihre notwendige Ergänzung. Gerade weil Künstliche Intelligenz verfügbar ist, muss Schule jene Fähigkeiten schützen, die vor jeder sinnvollen KI-Nutzung stehen: lesen, zuhören, sprechen, schreiben, prüfen, urteilen.

Die Forschung liefert dafür keine romantischen, sondern harte Gründe. Studien zum Handschreiben zeigen, dass Schreiben mit der Hand andere und mehr Hirnareale aktiviert als Tippen. Die Hand muss führen, bremsen, formen. Der Kopf muss auswählen. Wer mitschreibt, kann nicht alles übernehmen. Er muss verdichten. Genau darin liegt der Lerneffekt. Tippen verführt dagegen zur Vollabschrift. Der Bildschirm speichert. Der Kopf bleibt zu oft Zuschauer.

Auch beim Lesen ist die Lage ernst. Maryanne Wolf beschreibt mit "Deep Reading" jene Fähigkeit, die für Bildung entscheidend ist: sich in einen Text vertiefen, Zusammenhänge halten, Figuren verstehen, Argumente prüfen, eigene Gedanken bilden. Diese Fähigkeit ist dem Gehirn nicht angeboren. Sie muss trainiert werden. Und sie kann verkümmern, wenn Lesen nur noch Scannen, Springen und Klicken bedeutet.

Nicholas Carr hat diesen Mechanismus früh beschrieben: Jede digitale Unterbrechung stört den Übergang vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis. Was ständig abgelenkt wird, wird selten verstanden. Cal Newport nennt konzentrierte Arbeit deshalb eine Schlüsselressource der Gegenwart. Sie wird kostbarer, gerade weil sie seltener wird.

Auch die Bildungsforschung bremst den alten Fortschrittsglauben. Klaus Zierer weist seit Jahren darauf hin, dass Geräte allein keinen guten Unterricht erzeugen. Entscheidend bleibt die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler, das Gespräch über das Gelernte, die gemeinsame Anstrengung am Gegenstand. Tablets können motivieren. Oft tun sie das aber nur kurz. Sobald Lernen schwierig wird, zeigt sich, ob Unterricht Substanz hat oder nur Oberfläche.

Die PISA-Ergebnisse von 2022 haben diese Debatte verschärft. Deutschland fiel in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften deutlich zurück. Zugleich korrigieren Länder wie Dänemark ihren Kurs in der Schuldigitalisierung. Nicht, weil digitale Werkzeuge wertlos wären. Sondern weil Bildschirmzeit nicht automatisch Bildung erzeugt.

Besonders deutlich wird das beim Smartphone. Eine vielzitierte Studie der London School of Economics zeigte: Handyverbote helfen vor allem leistungsschwächeren Schülern. Genau das ist entscheidend. Wer ohnehin gut organisiert ist, kann Ablenkung eher abwehren. Wer kämpfen muss, wird vom Gerät leichter aus der Bahn geworfen. Das Smartphone schadet also nicht allen gleich. Es vertieft Unterschiede.

Digitale Kompetenz entsteht nicht durch viel Bildschirmzeit. Das zeigt auch ICILS 2023. Viele Jugendliche sind täglich online und können dennoch nur rudimentär mit Computern umgehen. Sie können klicken und wischen. Aber sie können nicht sicher prüfen, ordnen, bewerten und produzieren. Konsum ist keine Kompetenz.

Damit verschiebt sich die Frage. Sie lautet nicht: analog oder digital? Sie lautet: Was kann Schule bieten, was der digitale Alltag nicht mehr bietet? Eine Antwort heißt: Stille. Nicht als Leere. Sondern als Arbeitsform.

In einem guten analogen Unterricht müssen Schüler einem Gedanken folgen, bevor der nächste Reiz kommt. Sie müssen eine Antwort hören, bevor sie selbst sprechen. Sie müssen eine Notiz so schreiben, dass sie später noch trägt. Sie müssen aushalten, dass Verstehen nicht sofort da ist. Genau das ist Bildung: der Moment zwischen Frage und Antwort.

Dazu gehört auch der Körper. Lernen geschieht nicht nur im Kopf. Es geschieht durch Stimme, Blick, Haltung, Geste, Schrift, Raum. Wer einen Begriff auf dem Papier formt, wer ein Argument laut entwickelt, wer einem Mitschüler wirklich zuhört, lernt anders als vor einem flachen Glasrechteck. Tiefer. Langsamer. Sozialer.

Der analoge Unterricht ist also kein Rückzug aus der Gegenwart. Er ist der Gegenraum, den Gegenwart braucht. Dort wird nicht Technik verweigert. Dort wird das geübt, was Technik voraussetzt: Aufmerksamkeit, Sprache, Urteilskraft.

KI kann Antworten erzeugen. Aber sie kann nicht stellvertretend denken lernen. Wer ChatGPT sinnvoll nutzen will, muss Fragen stellen können. Wer Antworten prüfen will, braucht Wissen. Wer Texte beurteilen will, muss selbst gelesen, geschrieben und gestritten haben.

Die Schule der KI-Ära darf deshalb nicht im Gerät aufgehen. Sie muss den Schülern etwas geben, das außerhalb des Klassenzimmers immer knapper wird: ungeteilte Aufmerksamkeit.

Um KI zu verstehen, muss man denken können. Um denken zu können, muss man das Denken geübt haben. Am besten dort, wo nicht schon die nächste Antwort aufleuchtet.