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KKI, Bildung und Schule

Vollständige Artikelfassung

Essay & Kritik

Selberdenken und KI

Von Volker Wacker

Der Einsatz von KI befreit nicht vom Selberdenken - und warum das nicht die ganze Wahrheit ist

Abbildung 1 zum Beitrag "Selberdenken und KI"

Der Einsatz von KI befreit nicht vom Selberdenken - und warum das nicht die ganze Wahrheit ist

Künstliche Intelligenz ist längst Alltag. Ob Einkaufszettel, Chat-Nachrichten oder Wissensfragen - das Smartphone liefert in Sekundenbruchteilen die passende Antwort. Genau darin sieht Klaus Zierer, Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg, eine Gefahr. In einem Gastkommentar für die Neue Zürcher Zeitung (23.9.25) warnt er vor der bequemen Versuchung, das Denken an Maschinen auszulagern.

Zierers Thesen: Denken als Überlebensaufgabe

Für Zierer gilt: Wer nicht mehr denkt, verliert seine Freiheit. Der Mensch neige von Natur aus zur Bequemlichkeit, KI verstärke diese Schwäche. Die Folge: Lesen, Schreiben und Rechnen geraten ins Stocken, Aufmerksamkeitsspannen verkürzen sich, Depressionen und psychische Probleme nehmen zu. Bildung sei in der Krise, und mit ihr Demokratie und Wirtschaftskraft.

Was tun? Zierer fordert eine Rückbesinnung auf das Denken als Kern menschlicher Existenz. Vernunft entstehe nur durch die Mühe, Welt und Wissen kritisch zu hinterfragen. KI hingegen liefere bloß Wahrscheinlichkeiten, fehlerhafte Informationen und ideologisch verzerrte Antworten. Wer sie unkritisch nutze, begebe sich in Abhängigkeit und geistige Unmündigkeit.

Als Gegenmittel skizziert Zierer drei Haltungen: Gelassenheit, nicht sofort Antworten zu haben. Bereitschaft, selbst zu denken statt denken zu lassen. Und die Besinnung, Wissen auf sich selbst zu beziehen. Familien und Schulen müssten dafür Räume schaffen - Zeit, Muße, Anstrengung. KI könne höchstens als kritischer Begleiter sinnvoll sein, niemals als Ersatz.

Kritik: Zwischen Alarmismus und Realität

Zierers Mahnung ist scharf formuliert, sein Kant'scher Ruf nach Selbstdenken klar. Aber seine Diagnose hat auch Schwächen:

  • Kulturpessimismus: Bildungsprobleme sind real - doch sie begannen lange vor KI. Bildschirmzeit, Social Media und ein überlastetes Schulsystem wiegen mindestens ebenso schwer.
  • Das Bild vom "faulen Menschen": Zierer unterstellt dem Menschen Trägheit. Psychologische Forschung zeigt dagegen: Neugier und Kreativität sind starke Antriebe. KI könnte diese befördern, indem sie Routinearbeit abnimmt.
  • Verpasste Chancen: KI ist nicht nur Risiko, sondern auch Ressource. Sie kann Lernbarrieren abbauen, schwächeren Schülern helfen und Bildung demokratisieren - wenn sie didaktisch sinnvoll eingebettet wird.
  • Normative Schärfe: "Selberdenken" als Pflicht ist ein hohes Ideal. Aber wer bestimmt, was echtes Denken ist? In pluralistischen Gesellschaften darf diese Forderung nicht autoritär klingen.

Zierers Kommentar ist ein wichtiger Weckruf. Er erinnert daran, dass Bildung mehr ist als Informationsabruf. Aber seine Perspektive bleibt einseitig. Nötig wäre eine offene Debatte: Wie lässt sich KI so gestalten, dass sie Denken nicht ersetzt, sondern herausfordert? Wie können Schulen Kompetenzen vermitteln, die kritisches und kreatives Denken im digitalen Zeitalter sichern?

Am Ende dürfte die Wahrheit zwischen beiden Polen liegen: Ohne Selberdenken verarmen wir. Ohne klugen Einsatz von KI verschenken wir Chancen.