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KKI, Bildung und Schule

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Medien & Gesellschaft

Tod des Internet?

Von Volker Wacker

Die gepflegte Ödnis

Die gepflegte Ödnis

Vom "Slop"-Internet in die Schule: Warum wir jetzt Recherche neu lehren müssen

Zuerst war es nur ein Gefühl: Alles im Netz sieht gleich aus, klingt gleich, riecht gleich. Dann kamen die Belege. Auf YouTube gehören inzwischen KI-Kanäle zu den am schnellsten wachsenden; ganze Feeds werden mit synthetischen Mini-Dramen geflutet - Katzen-Seifenopern, Babys im All, Zombie-Sportler. Die Zielgruppe dieser Massenware ("AI slop") sind nicht Menschen, sondern Empfehlungsmaschinen.

Gleichzeitig verschieben Suchmaschinen die Aufmerksamkeit vor den Klick: Antworten erscheinen direkt in der Suchoberfläche - "AI Overviews" oder neuerdings "AI-Modus" genannt. In der Breite der Nutzerpraxis bedeutet das mehr Zero-Click-Suchen, weniger Besuche bei Verlagen und Fachseiten. Branchenberichte und Medienanalysen warnen vor massiven Traffic-Einbrüchen für Publisher.

Meta kündigt Labels für KI-Bilder und politische KI-Spots an; doch am Volumen und an der billigen Skalierbarkeit der Slop-Produktion ändert das wenig. Die Fabrik läuft - weil das System sie belohnt.

Und nun schaltet Google den AI-Modus auch in Deutschland und weiten Teilen Europas frei. Die KI-Antwort steht oben, die Quellen stehen unten - oft zu weit unten. Pädagogisch ist das ein Einschnitt, kein Gimmick.

Was wirklich "stirbt" - und was blieb unsichtbar

Das Internet ist nicht tot, weil es an Inhalten fehlte. Es ist übervoll - nur gleichförmiger, risikoärmer, optimiert. Die Diagnose "Enshittification" (erst die Nutzer verwöhnen, dann die Geschäftskunden, dann alles melken) erklärt den sozialen Teil dieses Verschleißes sehr genau. Wenn am Ende nur noch zählt, was der Algorithmus misst, schreibt der Mensch für die Maschine - und die Maschine antwortet dem Menschen, ohne dass der Mensch noch suchen muss. Dass Verlage dabei verlieren, ist die systemische Folge, nicht das Versehen.

Schule, Unterricht, Recherche - zehn Konsequenzen jetzt

Die schlechte Nachricht: Slop ist schneller als Unterrichtsentwicklung. Die gute Nachricht: Lehrpläne, Studien und Handreichungen liefern die Stichworte für eine Wende - wenn wir sie konsequent didaktisieren.

  • Quellenpflicht jenseits der KI-Box Jede Recherchearbeit (Referat, GFS, Facharbeit) verlangt mindestens drei Primär-/Fachquellen, die nicht aus der KI-Zusammenfassung stammen. Links (oder OPAC-Nachweise) gehören in ein Rechercheprotokoll. Hintergrund: KI-Antwortboxen reduzieren Klicks und damit Quellensichtbarkeit.
  • Rechercheprotokoll als Leistungsnachweis Gefordert wird ein Pfad der Entstehung: Suchbegriffe, Filter, Datum, Datenbank/Portal, Treffer, Auswahlgrund - und: Was hat die KI weggelassen? (Vergleich mit der Antwortbox). Das schult Informations- und Datenkompetenz nach DigComp 2.2.
  • Triangulation statt Ein-Kanal-Recherche Jede Behauptung wird über drei Gattungen abgesichert (z. B. Fachaufsatz, Statistik/Primärdokument, Qualitätsjournalismus). UNESCO und KMK betonen genau diese methodische Sicherung im Umgang mit KI.
  • "Slop-Detektor" als Unterrichtsritual Schülerinnen und Schüler lernen Mustererkennung: Wiederholte Frames, generische Stock-Formulierungen, "too good to be true"-Bilder (Label prüfen!), fehlende Autorenschaft, fehlende Datierung. Meta-Labels helfen - ersetzen aber nicht das eigene Urteil.
  • Ankertexte in Print und geprüften Datenbanken Pro Thema mindestens ein Buchkapitel oder Peer-Review-Artikel (Schulbibliothek, Fernleihe, Nationallizenzen). ICILS 2023 zeigt, dass die Fähigkeit, Information zu prüfen und zu integrieren, kein Automatismus ist - sie muss unterrichtlich angebahnt werden.
  • KI-Kompetenz ist Lernziel - nicht Abkürzung KI-Werkzeuge sind Gegenstand (Funktionsweise, Fehlerkategorien, Prompt-Design, Zitationspflicht), nicht bloß Hilfsmittel. Die KMK-Handlungsempfehlung fordert ausdrücklich eine Anpassung von Didaktik und Prüfungskultur.
  • Prüfen neu denken Mehr mündliche Prüfungen, quellengebundene Open-Book-Formate, situative Transferaufgaben mit unbekannten Materialien; Bewertungskriterium: Begründete Auswahl + Umgang mit Unsicherheit statt Reproduktion. (KMK; UNESCO-Guidance).
  • Google ist der Anfang, nicht das Ende Die AI-Suche ist nützlich, aber nicht ausreichend. Verbindlich in jeder Arbeit: Fachportale (Statistisches Bundesamt, Eurostat, bpb, DNB/OPAC, JSTOR/DOAJ, Gerichtsentscheidungen). Didaktische Aufgabe: den Sprung aus dem KI-Korridor einüben. (Kontext: Ausweitung des Google-AI-Modus in Europa).
  • Jugendliche Nutzung realistisch einpreisen Deutsche JIM-Daten und Pew-Trends zeigen: Ein relevanter Teil nutzt KI für Schule/Hausaufgaben - Tendenz steigend. Unterricht muss das aufgreifen, nicht verbieten: Regeln, Nachweise, Reflexion.
  • Schulweite Baseline Ein Konzilsbeschluss der Fachschaften: einheitliche Zitierregeln (auch für KI-Beiträge), Pflicht zum Rechercheprotokoll, Mindest-Quellenkanon pro Fach, jährlicher "Recherche-TÜV" in Klasse 7/9/11. Grundlage: KMK-"Bildung in der digitalen Welt" (Jahresbericht) und DigComp.

Warum das jetzt zählt

Wenn Suchmaschinen Antworten vor den Klick schieben, schrumpft die Welt der Belege - außer in Klassen, die Belege zur Bedingung machen. Wenn Feeds von Slop überschwemmt werden, werden Referate zur Haltungsübung: Quellen finden, gewichten, verwerfen. Und wenn KI alltäglich zur Hausaufgabe gehört, gehört KI-Kompetenz in die Leistungsbewertung. Das ist keine Mode, sondern Propädeutik: Vorbereitung auf Studium, Beruf, Bürgersinn.