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KKI, Bildung und Schule

Vollständige Artikelfassung

Essay & Kritik

Verlernen des Denkens?

Von Volker Wacker

Wenn Denken zur Zumutung wird

Wenn Denken zur Zumutung wird

Warum künstliche Intelligenz das Lernen verlernt - und was auf dem Spiel steht

Nach einem Essay von Sibylle Anderl (Die Zeit 31. Juli 2025).

Was passiert mit uns, wenn Maschinen unser Denken übernehmen? Wenn künstliche Intelligenz Bücher für uns liest, Texte schreibt, Probleme löst - und wir dabei verlernen, uns anzustrengen? Die Wissenschaftsjournalistin Sibylle Anderl wirft einen ebenso klarsichtigen wie beunruhigenden Blick auf die geistigen und kulturellen Folgen einer KI-getriebenen Bequemlichkeitsgesellschaft.

Im Zentrum ihres Essays steht ein doppeltes Bild des "Schlaraffenlands": Einerseits die verheißungsvolle Vision einer Welt ohne Mühsal, in der uns Wissen zufliegt wie gebratene Gänse. Andererseits das beängstigende Szenario kognitiver Trägheit, wie es Pieter Bruegel in seinem gleichnamigen Gemälde malte: erschlaffte Körper, müde Geister, ohne Antrieb.

Tatsächlich mehren sich empirische Hinweise, dass KI-Nutzung das Gehirn weniger fordert. Studien zeigen: Wer sich von ChatGPT Texte vorschlagen lässt, denkt weniger eigenständig - und speichert Informationen schlechter, wenn sie digital verfügbar bleiben. Die Folge: ein schleichender Abbau geistiger Selbstständigkeit, der kaum bemerkt wird, weil das technische Ergebnis weiter glänzt.

Doch Lernen, so Anderl, ist mehr als Informationsaufnahme: Es ist Anstrengung, Selbstwirksamkeit, Neugier. Es formt nicht nur Wissen, sondern Persönlichkeit. Wird alles mühelos, verliert Bildung ihren Sinn. Und mit ihr auch die Lust auf Erkenntnis, das Gespräch, den Zweifel. KI, so die Autorin, könne unsere Intelligenz steigern - oder sie überflüssig machen.

Anderl erinnert an philosophische Einsichten von Aristoteles bis Heidegger: Menschsein heißt, sich begrenzt zu wissen, zu scheitern, zu spüren. Erfahrungen sind nicht speicherbar. Gefühle nicht quantifizierbar. Ethik nicht berechenbar. Wer das Denken vollständig delegiert, verliert mehr als nur Kontrolle - er verliert sich selbst.

Die Entscheidung, wie wir KI nutzen wollen, ist offen. Doch sie ist dringlich. Denn, so der leise warnende Schluss: Vielleicht ist es nicht der Löwe, der uns nicht versteht. Vielleicht verstehen wir nicht mehr, was es heißt, Mensch zu sein.