Der Satz steht im Raum wie eine Drohung: Mehr als die Hälfte eines Jahrgangs macht heute Abitur. Noch 1960 war es kaum jeder Zehnte. Heute ist es die Regel. Und damit beginnt das Problem.
Ein Artikel des Althistorikers Sommer im Welt-Feuilleton vom 20.3.2026 beschreibt die Symptome präzise. Universitäten wachsen, Inhalte schrumpfen. Das Studium verwandelt sich in ein Zertifikatesystem. Motivation kippt: Nicht Erkenntnis treibt an, sondern Verwertbarkeit. Und nun kommt die Künstliche Intelligenz hinzu. Sie erledigt, was früher als Leistung galt. Hausarbeiten, Protokolle, Zusammenfassungen. Der Lackmustest steht an.
Das ist der Befund.
Die Analyse liegt näher, als der Autor zugibt. Die Massenuniversität ist kein Unfall. Sie ist politisch gewollt. Seit Jahrzehnten gilt ein stilles Dogma: Mehr Abiturienten bedeuten mehr Bildung, mehr Bildung bedeutet Fortschritt. Dieses Dogma hat die Struktur zerstört, die Wissenschaft einmal trug: Auswahl, Verdichtung, Anspruch.
Der Preis ist sichtbar. Wenn die Hälfte eines Jahrgangs studiert, verliert das Studium seinen Selektionscharakter. Wenn Abschlüsse inflationär werden, sinkt ihr Wert. Wenn Leistungsnachweise standardisiert werden, lassen sie sich automatisieren. Genau hier greift die KI an. Nicht, weil sie besonders intelligent ist, sondern weil das System besonders schwach geworden ist.
Die Universitäten haben darauf reagiert - falsch. Sie kontrollieren, prüfen, verschärfen Regeln. Sie kämpfen gegen Symptome. Sie verteidigen ein System, das längst ausgehöhlt ist.
Das reicht nicht.
Wer die Wissenschaft retten will, muss an die Struktur gehen.
Erstens: Zugang begrenzen. Nicht kosmetisch, sondern radikal. Ein Abitur für 50 Prozent eines Jahrgangs ist kein Qualitätsmerkmal, sondern ein Systemfehler. Eine realistische Obergrenze liegt bei etwa 30 Prozent. Das ist kein elitärer Reflex, sondern eine funktionale Notwendigkeit. Wissenschaft lebt von Auswahl.
Der Weg dahin führt über die Oberstufe. Wer das Abitur anstrebt, sollte es sich verdienen müssen. Nicht über Notendurchschnitt allein, sondern über eine mündliche Aufnahmeprüfung. Gespräch, Argument, Urteilskraft. Wer das nicht leisten kann, gehört nicht in dieses System. Das ist keine Herabsetzung. Es ist eine Differenzierung.
Zweitens: Universitäten müssen wieder verstärkt auswählen dürfen. Heute nehmen sie, wen das System liefert. Künftig müssen sie entscheiden. Aufnahmegespräche, Eignungstests, fachspezifische Prüfungen. Das Abitur allein darf kein Generalschlüssel mehr sein.
Drittens: Studienplätze begrenzen. Nicht durch diffuse Kapazitätsgrenzen, sondern durch klare Kontingente. Weniger Plätze, höhere Anforderungen. Ja, das bedeutet Konkurrenz. Aber Wissenschaft ohne Konkurrenz ist Verwaltung.
Viertens: Differenzierung der Abschlüsse. Ein einheitliches Abitur für alle Zwecke ist eine Fiktion. Es braucht ein gestuftes System. Ein akademisches Abitur für forschungsorientierte Studiengänge. Daneben ein technisches oder praxisorientiertes Abitur, das gezielt auf Fachhochschulen und angewandte Ausbildung vorbereitet. Gleichwertig im gesellschaftlichen Rang, aber nicht identisch im Anspruch.
Fünftens: Studiengebühren. Nicht als soziale Barriere, sondern als Steuerungsinstrument. Wer ein knappes Gut nutzt, muss dessen Wert spüren. Zugleich braucht es Stipendiensysteme für Leistungsstarke ohne Mittel. Das Problem ist nicht Ungleichheit. Das Problem ist Gleichmacherei ohne Maßstab.
Der Einwand liegt auf der Hand. Das sei sozial ungerecht. Es bevorzuge die Privilegierten.
Das Gegenteil ist plausibler. Das jetzige System verspricht Aufstieg und liefert Entwertung. Es zieht junge Menschen in ein Studium, das sie nicht brauchen, und lässt sie mit Abschlüssen zurück, die wenig zählen. Das ist die eigentliche Ungerechtigkeit.
Die Forderung nach Selektion wirkt hart, weil wir uns an die Illusion gewöhnt haben, Bildung lasse sich ausweiten, ohne sich zu verändern. Diese Illusion ist zu Ende. Die Künstliche Intelligenz beschleunigt nur, was längst angelegt war.
Die Universität muss wieder entscheiden, wen sie will.
Sonst entscheidet es die Maschine.