Bildungspolitik

Das Schulbuch verliert seine Macht

Von Volker Wacker

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Künstliche Intelligenz verschiebt die Autorität im Klassenzimmer. Verlage reagieren mit eigenen Systemen - doch der eigentliche Bruch entsteht bei den Lehrern

Künstliche Intelligenz verschiebt die Autorität im Klassenzimmer. Verlage reagieren mit eigenen Systemen - doch der eigentliche Bruch entsteht bei den Lehrern

Der Markt wirkt stabil, die Umsätze halten sich. Doch im Unterricht verändert sich gerade, wer Wissen produziert. Lehrkräfte arbeiten zunehmend ohne Schulbuch. Die Verlage stehen vor einer Frage, die ihr Geschäftsmodell trifft.

Ein Lehrer sitzt abends am Schreibtisch. Kein Stapel Schulbücher mehr, keine Verlagskataloge. Stattdessen ein Chatfenster. Ein paar Stichworte genügen, und wenige Sekunden später liegt eine komplette Unterrichtsreihe vor ihm. Passgenau für seine Klasse, differenziert nach Leistungsniveau, sofort einsetzbar.

Was hier wie eine Szene aus der Zukunft wirkt, ist längst Alltag.

Der deutsche Schulbuchmarkt, jahrzehntelang stabil wie kaum ein anderer Bildungsbereich, gerät unter Druck. Drei Häuser dominieren ihn bis heute: Klett, Westermann, Cornelsen. Zusammen kontrollieren sie rund 90 Prozent des Marktes. Ein Oligopol, abgesichert durch Lehrpläne, Zulassungsverfahren und staatliche Beschaffung. Umsätze im hohen dreistelligen Millionenbereich belegen die Stabilität dieses Systems.

Noch.

Denn die eigentliche Verschiebung findet nicht in den Bilanzen statt, sondern im Klassenzimmer.

Lehrkräfte produzieren ihre Materialien selbst. Schnell, flexibel, auf ihre Lerngruppen zugeschnitten. Generative KI beschleunigt diesen Prozess drastisch. Was früher Stunden oder Tage dauerte, entsteht heute in Minuten. Arbeitsblätter, Klausuren, ganze Unterrichtseinheiten. Der didaktische Kern bleibt beim Lehrer, die Produktion übernimmt die Maschine.

Die Zahlen bestätigen diese Praxis. Eine Mehrheit der Lehrkräfte nutzt KI bereits, viele zumindest gelegentlich. Offiziell dient sie der Recherche oder als "Chatpartner". Faktisch ersetzt sie zunehmend Teile des klassischen Lehrwerks.

Damit verschiebt sich der entscheidende Punkt: der Kaufanlass.

Ein Schulbuch wird nicht gekauft, weil es existiert. Es wird gekauft, weil es gebraucht wird. Fällt dieser Bedarf weg, gerät das Geschäftsmodell ins Wanken. Besonders in Fächern, die von Aktualität und Kontext leben: Geschichte, Politik, Gesellschaftswissenschaften. Dort ist das statische Buch strukturell im Nachteil.

Noch verdeckt wird dieser Wandel durch die Systemlogik des Marktes. Schulbücher werden oft zentral beschafft, nicht individuell gekauft. Lehrpläne schreiben ihre Nutzung vor oder legen sie nahe. Solange diese Strukturen bestehen, bleiben die Umsätze stabil. Die Oberfläche wirkt ruhig.

Darunter beginnt die Erosion.

Ein erstes Signal kam Anfang 2026 mit der Insolvenz eines kleinen Fachverlags. Offiziell lag es am Lehrermangel und ausfallendem Unterricht. Inoffiziell zeigt sich ein zweiter Trend: Lehrkräfte verzichten zunehmend auf Zusatzmaterialien aus Verlagen. Sie erstellen sie selbst.

Die großen Anbieter reagieren. Sie versuchen nicht, KI zu bekämpfen, sondern sie zu integrieren. Eigene Plattformen entstehen, gekoppelt an bestehende Lehrwerke. Die Logik ist klar: Wenn Lehrkräfte ohnehin KI nutzen, dann innerhalb des Verlagsökosystems.

Didaktisch geprüfte Inhalte werden zur Datenbasis. Lehrwerke werden zur Infrastruktur. Der Verlag verkauft nicht mehr nur ein Buch, sondern einen Zugang: zu Material, Anpassung, Differenzierung, Auswertung.

Damit verschiebt sich auch das Selbstverständnis der Branche.

Nicht mehr das Buch steht im Zentrum, sondern die Qualitätssicherung. Verlage argumentieren, dass sie leisten, was Einzelne nicht können: Lehrplankonformität, redaktionelle Prüfung, Fehlerkontrolle. Ein zentraler Punkt, denn KI produziert nicht nur Texte, sondern auch Fehler. Studien verweisen auf relevante Fehlerraten.

Hier liegt der Kern des Konflikts.

Auf der einen Seite die individuelle Produktion: schnell, flexibel, nah an der Klasse. Auf der anderen Seite die institutionelle Absicherung: geprüft, normiert, verlässlich. Zwei Logiken, die nicht deckungsgleich sind.

Die Bildungspolitik verstärkt diese Spannung. Digitale Initiativen wie im Saarland zeigen, dass das gedruckte Buch an Bedeutung verliert. Aber sie ersetzen es nicht durch freie Materialien, sondern durch digitale Verlagsprodukte. Das System bleibt, die Form ändert sich.

Gleichzeitig wächst die Skepsis gegenüber einer vollständigen Digitalisierung. Studien zur Lesekompetenz und kognitiven Verarbeitung sprechen dem gedruckten Text weiterhin Vorteile zu. Die Frage ist nicht entschieden.

Der Markt steht damit zwischen zwei Bewegungen.

Technisch wird er offener. Pädagogisch und institutionell bleibt er reguliert.

Die großen Verlage profitieren vorerst von dieser Doppelstruktur. Ihre Marktstellung, ihre Nähe zu Lehrplänen und ihre Rolle im Beschaffungssystem geben ihnen Zeit. Kleine Anbieter haben diesen Puffer nicht. Sie reagieren empfindlicher auf Veränderungen im Alltag der Schulen.

Die entscheidende Frage liegt jedoch tiefer.

Was ist ein Schulbuch noch wert, wenn eine kompetente Lehrkraft vergleichbare Materialien selbst erstellen kann?

Die Antwort darauf ist keine technische. Sie betrifft das Verständnis von Wissen, von Autorität und von Unterricht. Verlage liefern strukturierte Inhalte. Lehrkräfte übersetzen sie in konkrete Lernprozesse. KI verschiebt diese Grenze.

Vielleicht ist das Schulbuch der Zukunft kein Buch mehr. Sondern ein System, das Inhalte, Didaktik und Technik verbindet. Oder es wird zum Referenzpunkt in einem Unterricht, der sich zunehmend selbst organisiert.

Die Entscheidung fällt nicht in den Verlagen. Sie fällt jeden Tag im Klassenzimmer.

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