Schulpraxis

Tipp: Halb offene Schaubilder mit KI erstellen

Von Volker Wacker

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Eine besonders produktive Möglichkeit beim Einsatz von KI (hier ChatGPT) im Unterrichtt liegt nicht nur in der Erstellung klassischer Arbeitsblätter mit Text und Aufgaben, sondern in der Entwicklung halb offener visueller Materialien....

Abbildung 1 zum Beitrag "Tipp: Halb offene Schaubilder mit KI erstellen"

Eine besonders produktive Möglichkeit beim Einsatz von KI (hier ChatGPT) im Unterrichtt liegt nicht nur in der Erstellung klassischer Arbeitsblätter mit Text und Aufgaben, sondern in der Entwicklung halb offener visueller Materialien. Gemeint sind Schaubilder, Verfassungsschemata, Lernplakate oder Infografiken, die nicht vollständig ausgefüllt sind, sondern an ausgewählten Stellen sinnvolle Lücken enthalten. Solche Materialien funktionieren wie ein vorbereitetes Tafelbild. Die Grundstruktur ist bereits sichtbar, aber zentrale Begriffe, Beziehungen oder Funktionen müssen gemeinsam mit den Schülern erschlossen und ergänzt werden.

Der didaktische Mehrwert liegt darin, dass die Lücken nicht beliebig gesetzt werden. Bei einem normalen Lückentext ist es relativ einfach, einzelne Wörter zu entfernen. Bei einem politischen Schaubild, einem historischen Prozessschema oder einer institutionellen Übersicht ist das deutlich anspruchsvoller. Die Lehrkraft muss entscheiden, welche Leerstelle wirklich zum Denken zwingt: Soll der Begriff fehlen? Die Verbindung? Die Funktion? Die Richtung eines Pfeils? Oder die Begründung, warum eine Institution an genau dieser Stelle steht? Genau hier kann KI sinnvoll unterstützen. Sie kann Vorschläge machen, an welchen Stellen eine Lücke didaktisch ergiebig ist, und zugleich begründen, warum gerade diese Lücke für das Verständnis wichtig ist.

Das Entscheidende ist dabei: Eine gute Lücke fragt nicht bloß Vokabelwissen ab. Sie öffnet ein Problem. Wenn in einem Schaubild zum politischen System der Bundesrepublik im bilinguale Politikunterricht (Französisch) "Le peuple / das Volk" fehlt, geht es nicht nur um eine Übersetzung. Es geht um die Frage, von wem demokratische Legitimation ausgeht. Wenn der Pfeil vom Volk zum Bundestag mit "élit / wählt" ergänzt werden muss, wird sichtbar, dass der Bundestag direkt demokratisch legitimiert ist. Wenn die Verbindung zwischen Bundestag und Bundeskanzler offen bleibt, entsteht die zentrale Frage des parlamentarischen Systems: Warum wählt das Volk den Kanzler nicht direkt? So wird aus einem Arbeitsblatt kein Ausfüllformular, sondern ein gelenktes Denkwerkzeug.

Für die Praxis empfiehlt sich ein zweistufiges Verfahren. Zunächst sollte man die KI nicht sofort ein Bild erzeugen lassen, sondern ein Konzept verlangen: Thema, Zielgruppe, Format, zentrale Begriffe, gewünschte Struktur und didaktische Progression. Dann kann man die KI bitten, etwa sechs bis zehn sinnvolle Lücken vorzuschlagen, jeweils mit Lösung, Leitfrage und kurzer didaktischer Begründung. Erst wenn diese Vorschläge fachlich und methodisch stimmig sind, sollte das eigentliche Arbeitsblatt erstellt werden. Idealerweise entstehen zwei Fassungen: ein Schülerblatt mit Lücken und ein Lösungsblatt mit allen Eintragungen. So erhält die Lehrkraft zugleich Unterrichtsmaterial und Erwartungshorizont.

Besonders geeignet ist dieses Verfahren für Themen, bei denen Beziehungen und Strukturen verstanden werden müssen: Gewaltenteilung, Verfassungsorgane, Gesetzgebungsprozesse, Föderalismus, europäische Institutionen, historische Ursachenketten, Herrschaftsstrukturen, Entscheidungswege oder Vergleichsschemata. Gerade in bilingualen Lerngruppen kommt ein weiterer Vorteil hinzu: Die KI kann Begriffe zweisprachig anlegen, zum Beispiel zuerst in der Zielsprache und dann mit der deutschen Fachbezeichnung in Klammern. Dadurch wird das Schaubild zugleich Inhaltsstütze, Sprachgerüst und Heftsicherung.

Natürlich ersetzt KI nicht die fachliche Kontrolle der Lehrkraft. Gerade bei politischen Systemen, historischen Abläufen oder juristischen Strukturen müssen Pfeilrichtungen, Begriffe und Hierarchien genau geprüft werden. Ein falsch platzierter Pfeil kann mehr Schaden anrichten als ein falsches Wort im Fließtext. Deshalb ist es sinnvoll, die KI zunächst erklären zu lassen, warum sie welche Lücken setzt. Erst danach sollte man die grafische Fassung generieren oder in einem Layoutprogramm nachbauen. Die Lehrkraft bleibt also nicht nur Auftraggeber, sondern Kurator des Materials.

Der große Gewinn liegt in der Arbeitsökonomie. Halb offene Schaubilder sind didaktisch stark, aber in der Herstellung normalerweise sehr zeitaufwendig. Man muss Kästen setzen, Pfeile ordnen, Begriffe kürzen, Lücken sinnvoll platzieren, eine Lösungsversion erstellen und alles drucktauglich gestalten. KI kann diesen Prozess erheblich beschleunigen. Noch wichtiger: Sie kann nicht nur gestalten, sondern auch didaktisch mitdenken - wenn man sie genau dazu auffordert. Dann entstehen Arbeitsblätter, die nicht nach Arbeitsblatt aussehen, sondern wie ein professionelles Lernplakat, das im Unterricht Schritt für Schritt zum gemeinsamen Denkraum wird.

Abbildung 2 zum Beitrag "Tipp: Halb offene Schaubilder mit KI erstellen"
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