Plädoyer für Abschaffung der zweiten Pflichtfremdsprache und für verstärktes freiwiliges Französisch - ein Essai
Die derzeitige Sprachenpolitik an deutschen Gymnasien sieht verpflichtend den Erwerb einer zweiten Fremdsprache vor, zumeist Französisch, Latein und in einigen Bundesländern auch Spanisch. Diese Regelung folgt einer humanistischen Bildungsidee, die in ihrer Form jedoch weder den Realitäten des 21. Jahrhunderts, des KI-Zeitalters noch den Bedürfnissen der Mehrheit der Schülerinnen und Schüler gerecht wird. Die Zeit ist reif für eine grundlegende Reform: Die verpflichtende zweite Fremdsprache am Gymnasium sollte abgeschafft und durch ein vertieftes, durchgängiges Englischcurriculum ersetzt werden, das den Erwerb von Kompetenzen auf dem Niveau C1-C2 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens (GER) im Abitur ermöglicht. Dieser Essay plädiert dafür, dass eine solche Reform auf Ebene der Kultusministerkonferenz beschlossen wird und begründet diesen Paradigmenwechsel bildungspolitisch, pädagogisch und gesellschaftlich.
Status quo: Viel Aufwand, bescheidene Ergebnisse
Erfahrungen aus vielen Bundesländern, insbesondere aus Baden-Württemberg, zeigen: Die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler erreicht in der verpflichtenden zweiten Fremdsprache - vor allem in Französisch - nur ein rudimentäres Niveau. Die sprachliche Kompetenz nach drei bis vier Jahren Unterricht genügt häufig nicht einmal für ein einfaches Alltagsgespräch oder den Besuch eines Restaurants in Frankreich. Hinzu kommt, dass etwa 90 % der Lernenden Französisch spätestens nach der 10. Klasse abwählen. Die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die Französisch als Leistungsfach belegen oder bis zum Abitur durchhalten, sinkt kontinuierlich. Die Effektivität des Unterrichts steht in keinem Verhältnis zum investierten Aufwand - weder auf der Seite der Lehrkräfte noch der Schülerinnen und Schüler.
Ablehnung und Demotivation: Französisch als Hassfach
Französisch zählt insbesondere unter männlichen Jugendlichen zu den unbeliebtesten Schulfächern. Diese Ablehnung speist sich nicht nur aus den tatsächlichen Schwierigkeiten des Faches - Aussprache, Orthographie, fehlende Transparenz zwischen Schrift und Laut -, des hohen Lernaufwandes, sondern auch aus einer empfundenen Sinnlosigkeit: Die Schülerinnen und Schüler sehen kaum Alltagsrelevanz und keine berufliche Notwendigkeit. Selbst im Kontakt mit französischen Unternehmen oder im Tourismus wird heute fast oft nur auf Englisch kommuniziert.
Digitale Disruption: KI verändert das Sprachenlernen grundlegend
Künstliche Intelligenz verändert die Welt des Sprachenlernens fundamental. Mit leistungsfähigen Übersetzungsdiensten, automatischen Transkriptions- und Dolmetschsystemen sowie Apps, die nahezu simultane Verständigung ermöglichen, wird der pragmatische Nutzen des Sprachunterrichts relativiert. In naher Zukunft wird ein Knopf im Ohr ausreichen, um sich flüssig in vielen Sprachen zu verständigen. Dies entwertet nicht die kulturelle Bildung durch Sprachen, wohl aber die Notwendigkeit, ganze Jahrgänge verpflichtend durch oft mühsamen Sprachunterricht zu führen, der nur für eine kleine Gruppe wirklich fruchtbar wird.
Neue Lösung: Englisch als durchgängige Bildungssprache
Englisch ist längst die lingua franca der globalisierten Welt. Für Studium, Beruf, Wissenschaft, Technologie, Popkultur und internationale Kooperationen ist Englisch heute unverzichtbar - und dies auf hohem Niveau. Die Schule sollte daher ihre Ressourcen bündeln und allen Schülerinnen und Schülern ermöglichen, Englisch bis zum Niveau C1 oder sogar C2 zu entwickeln. Der Weg dahin muss durchgängigen, qualitätsgesicherten Englischunterricht von Klasse 5 bis zum Abitur sowie durch Sachfächer auf Englisch (CLIL = Content and Language Integrated Learning) ergänzt werden: Geschichte, Geographie oder Naturwissenschaften in englischer Sprache fördern sowohl fachliche als auch sprachliche Kompetenzen.
Strukturvorschlag: Einsprachige Schulkarriere mit Wahloption
Eine Reform der Kultusministerkonferenz sollte ein einsprachiges Gymnasialprofil ermöglichen. Schülerinnen und Schüler, die keine zweite Fremdsprache wählen möchten, besuchen verpflichtend ein Sachfach auf Englisch (z. B. "History", "Biology", "Social Studies"). Französisch, Latein und Spanisch bleiben als freiwillige Wahlfächer bestehen - gezielt für sprachlich begabte und motivierte Lernende, die hier auch - also auf Französisch oder Spanisch - bilingualen Sachfachunterricht erhalten können. Das Prinzip der Freiwilligkeit statt des Zwangs würde zu einer qualitativen Verbesserung führen: Wer Französisch wirklich lernen will, wird es auch durchhalten - mit besserem Ergebnis und nachhaltiger Wirkung.
Fazit: Mehr Effizienz, mehr Motivation, mehr Zukunft
Die Abschaffung der verpflichtenden zweiten Fremdsprache und die Konzentration auf Englisch als hochqualifizierte Bildungssprache ist kein Verlust, sondern ein Gewinn - für die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler, für die Schulen und für das Bildungssystem insgesamt. Wer Französisch oder eine andere Sprache aus intrinsischem Interesse lernt, soll dazu die besten Bedingungen erhalten - nicht aber im Zwangsrahmen eines Pflichtfachs, das regelmäßig Frustration erzeugt. Eine Reform auf Ebene der Kultusministerkonferenz ist überfällig, um die Sprachenpolitik des Gymnasiums an die gesellschaftlichen, technologischen und pädagogischen Realitäten anzupassen. .