Essay & Kritik

Resonanzpädagogik und KI

Von Volker Wacker

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"Berühre und verwandle mich" - Resonanzpädagogik im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz

Abbildung 1 zum Beitrag "Resonanzpädagogik und KI"

"Berühre und verwandle mich" - Resonanzpädagogik im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz

Von der Berührung zur Bildung: Hartmut Rosas Resonanzbegriff

Wenn Hartmut Rosa über Bildung spricht, dann spricht er über mehr als Noten, Kompetenzraster oder Curricula. Für den Soziologen ist Bildung eine existentielle Weltbeziehung - ein "Berührtwerden" von etwas, das mich angeht. In seiner umfangreichen Resonanztheorie (2016) entwirft Rosa eine Antwort auf die zentrale Diagnose spätmoderner Gesellschaften: die zunehmende Beschleunigung aller Lebensbereiche, von der Arbeitswelt bis zur Schule. Wenn "Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung", heißt es gleich zu Beginn seines Hauptwerks.

Resonanz, das ist bei Rosa kein Wohlfühlkonzept. Es ist die Erfahrung, von einem Gegenstand, einem Gedanken, einem Menschen berührt zu werden - so sehr, dass ich antworten will, dass ich in eine wechselseitige Beziehung trete, in der sich beide Seiten verändern. Bildung, so Rosa, beginnt in dem Moment, in dem ein Schüler sagt: "Das hat etwas mit mir zu tun." Und nicht, wenn er lediglich ein Schema korrekt wiedergeben kann.

Im Gespräch mit dem Pädagogen Wolfgang Endres hat Rosa diesen Ansatz zur sogenannten Resonanzpädagogik weiterentwickelt: "Bildung ist dann gelungen, wenn es im Klassenzimmer knistert", sagt Rosa. Das ist kein esoterisches Bild, sondern der präzise Ausdruck für einen Moment, in dem sich Lehrende und Lernende in einem echten Dialog begegnen. In diesen Momenten, so Rosa, "stehen wir auf dem Spiel".

Vier Dimensionen der Resonanz

Rosas Begriff von Resonanz fußt auf vier Merkmalen:

  • Berührung: Etwas ruft mich an - ein Gedanke, ein Kunstwerk, ein Konflikt, ein Satz im Unterricht. Nicht planbar, nicht erzwingbar. Aber spürbar.
  • Antwort: Ich antworte - nicht zwingend im Sinne von Zustimmung, sondern im Sinne von Aktivität. Ich denke, ich frage, ich widerspreche. Bildung beginnt mit Selbstwirksamkeit.
  • Verwandlung: Im Prozess der Auseinandersetzung verändere ich mich. Ich eigne mir nicht nur Wissen an, ich werde jemand anders.
  • Unverfügbarkeit: Resonanz lässt sich nicht herstellen. Sie entzieht sich jeder Planbarkeit, sie ist kein Ergebnis von Output-Logik.

In diesem Verständnis widersetzt sich Resonanzpädagogik dem Primat der Kontrollierbarkeit, das in Schulen - befeuert durch Prüfungsformate, Lehrpläne, digitale Tools und Kompetenzraster - allzu oft dominiert.

Bildung als Erfahrung, nicht als Programm

Was Rosa fordert, ist eine Neuausrichtung des pädagogischen Blicks: weg vom Lehrziel, hin zur Beziehungsqualität. Ein Unterricht, der den "Explorer-Modus" (wie ihn die US-amerikanische Bildungstheoretikerin Michaela S. Cole nennt) ermöglicht, muss Freiräume zulassen, muss sich selbst als Einladung verstehen.

Die Lehrerpersönlichkeit spielt hierbei eine zentrale Rolle. Lehrkräfte sind, wie Joachim Bauer es formuliert, "doppelte Stimmgabeln": Sie nehmen Schwingungen auf, die von den Schülern ausgehen, und geben sie auf resonante Weise zurück - aber sie senden auch selbst. Wer nicht selbst für ein Thema brennt, wird kaum ein Feuer entfachen. Oder, wie Rosa es zuspitzt: "Nur wer selbst berührt ist, vermag es auch zu berühren."

Künstliche Intelligenz - Resonanzstifter oder Resonanzverhinderer?

An dieser Stelle wird es spannend. Denn Rosas Resonanztheorie entstand in einer Welt, in der Künstliche Intelligenz (KI) im Bildungsbereich noch kein dominierendes Thema war. Inzwischen aber ist KI aus Klassenzimmern nicht mehr wegzudenken: automatisierte Übersetzungen, KI-generierte Zusammenfassungen, interaktive Lern-Avatare, adaptive Feedback-Systeme - das Arsenal ist vielfältig. Die Frage ist: Wie verhält sich dieser technologische Fortschritt zur Idee der Resonanz?

These 1: KI droht, Resonanz unmöglich zu machen.

Aus Sicht Rosas wäre zunächst Skepsis angebracht. Resonanz ist Beziehung - keine Information. KI jedoch operiert entlang algorithmischer Logiken: Sie rechnet, prognostiziert, antwortet mit hoher Geschwindigkeit - aber sie antwortet nicht im eigentlichen Sinn. Sie ist unverletzlich, unbeweglich. Sie kann keine Verwandlung erfahren, und sie kann niemanden verwandeln. Was wie Resonanz wirkt - etwa ein personalisiertes Feedback - ist am Ende nur Imitation, nicht echte Beziehung.

Hinzu kommt der beschleunigende Effekt: KI verdichtet Stoff, optimiert Lernzeiten, komprimiert Welt. Doch Resonanz braucht Langsamkeit, braucht Offenheit für das Unerwartete, für das, "was nicht auf dem Lehrplan stand". Je mehr Unterricht in ein To-do-Schema gedrängt wird, desto unwahrscheinlicher wird das "Knistern", das Rosa beschreibt.

These 2: KI kann Resonanzräume eröffnen - wenn klug eingesetzt.

Gleichwohl lässt sich KI nicht pauschal als Resonanzverhinderer abtun. Im Gegenteil: Wenn sie nicht als Ersatz, sondern als Assistenz verstanden wird, kann sie Freiräume schaffen - gerade für die Momente, die nicht planbar sind. Wenn etwa KI administrative Aufgaben übernimmt, können Lehrkräfte mehr Zeit für echte Begegnung gewinnen. Wenn KI-Lösungen individualisierte Zugänge ermöglichen, könnten mehr Schülerinnen und Schüler "angerufen" werden von einem Thema - weil es ihnen auf genau der richtigen Wellenlänge begegnet.

Auch ästhetische Erfahrungen lassen sich mit KI erweitern: Neue musikalische Formen, visuelle Simulationen, KI-generierte literarische Experimente - all dies kann zum Funkenflug führen, wenn die Lehrkraft bereit ist, ihn zuzulassen. Der Schlüssel liegt in der pädagogischen Haltung.

Resonanzpädagogik in der digitalen Moderne: Eine Synthese

Das Paradox bleibt: Resonanz ist unverfügbar - und doch können wir Bedingungen schaffen, die sie wahrscheinlicher machen. Schule im Zeitalter der KI steht damit vor einer doppelten Aufgabe:

  • Sie muss Räume der Beziehung bewahren - jenseits von Output-Logik, von Planbarkeit, von technischer Perfektion.
  • Und sie muss gleichzeitig die digitalen Werkzeuge so einsetzen, dass sie Resonanz ermöglichen, nicht unterbinden.

Dazu braucht es Lehrkräfte, die sich selbst als lernende Subjekte begreifen, nicht als Vermittlungsautomaten. Die ihre eigene Berührbarkeit nicht verlieren - und die bereit sind, mit ihren Schülerinnen und Schülern in eine Weltbeziehung zu treten, deren Ausgang offen ist.

Denn Bildung bleibt: ein Wagnis.

Literaturhinweise

  • Rosa, Hartmut: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp, 2016.
  • Rosa, Hartmut / Endres, Wolfgang: Resonanzpädagogik. Wenn es im Klassenzimmer knistert. Weinheim: Beltz, 2021.
  • Cole, Michaela S.: The Disengaged Teen: Why Schools Fail and How to Fix It. New York: Routledge, 2023.
  • Haidt, Jonathan: The Anxious Generation: How the Great Rewiring of Childhood Is Causing an Epidemic of Mental Illness. London: Penguin, 2024.
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