Schulpraxis

Selbstlegitimation im Bildungswesen

Von Volker Wacker

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Reformen um der Reform willen - Wie das Bildungssystem sich selbst stabilisiert

Abbildung 1 zum Beitrag "Selbstlegitimation im Bildungswesen"

Reformen um der Reform willen - Wie das Bildungssystem sich selbst stabilisiert

Von Zeit zu Zeit, so regelmäßig wie Schuljahresbeginn und Abschlusszeugnisse, wird das deutsche Bildungssystem reformiert. Neue Lehrpläne, neue Schularten, neue Prüfungsformate. Kaum hat man sich an eine Struktur gewöhnt, rollt die nächste Welle. G8 wird G9, Noten werden Kompetenzen, Schulen werden "lernende Organisationen". Und doch bleibt das Gefühl: Eigentlich ändert sich nichts. Der Unterricht - das Herz des Ganzen - schlägt unbeirrt weiter, abgeschirmt, unkontrolliert, kaum berührt von den großen Ideen aus Ministerien und Hochschulen.

Der Zwang zur Neuerfindung

Das Bildungssystem, so scheint es, muss sich regelmäßig neu erfinden, um bestehen zu können. Reformen sind sein Lebenselixier - und zugleich sein Schutzschild. Sie erzeugen Legitimation: für politische Akteure, die Bewegung demonstrieren müssen; für Ministerialbürokratien, die Modernität signalisieren wollen; für Wissenschaftler, die ihre Theorien als pädagogische Heilsversprechen verkaufen; und für Lehrerinnen und Lehrer, die sich als Innovatoren profilieren möchten.

Diese Zyklen folgen einer klaren Logik: Zuerst entsteht im akademischen Raum eine Idee, ein Konzept, ein Schlagwort - von "kompetenzorientiertem Lernen" bis "Bildung für nachhaltige Entwicklung". Dann wird es politisch aufgeladen, ministeriell verpackt, administrativ verordnet. Schließlich landet es, abgeschliffen und entkernt, in den Lehrerzimmern. Dort begegnet es Skepsis, Müdigkeit oder schlicht Pragmatismus - und löst sich im Alltag auf.

Symbolische Bewegung, strukturelle Starre

So funktionieren viele Reformen nicht als Fortschritt, sondern als Ritual. Sie stabilisieren das System, indem sie Veränderung simulieren. Sie schaffen den Eindruck von Dynamik, wo in Wahrheit Kontinuität herrscht. Die Schule bleibt, was sie war: ein Ort der individuellen pädagogischen Freiheit, aber auch der strukturellen Intransparenz. Unterricht ist eine Blackbox. Kein Schulleiter, kein Ministerialbeamter hat wirklich Einblick, was dort Tag für Tag geschieht - es sei denn, ein Konflikt zwingt zur Intervention.

Diese Abschirmung ist kein Zufall. Sie ist die Bedingung der Selbstreproduktion des Systems. Denn solange niemand genau weiß, was funktioniert, kann jede neue Reform als mögliche Lösung erscheinen. Der Diskurs ersetzt die Evaluation, das Schlagwort die Evidenz.

Die Karriere der Innovation

Hinzu kommt ein menschlich-allzu-menschlicher Mechanismus: Reformen schaffen Aufstiegschancen. Wer frühzeitig "Innovationskompetenz" zeigt, darf hoffen - auf Projektleitungen, Beförderungen, Tagungseinladungen. Das gilt in den Ministerien ebenso wie an Schulen. Der Preis: Die Idee der Reform verliert ihre pädagogische Unschuld. Sie wird zum Mittel der Profilierung.

Und so entsteht jene eigentümliche Dialektik: Reformen werden eingeführt, weil sie nützlich sind - nicht unbedingt, weil sie wirksam sind. Der G8/G9-Schaukelkurs der vergangenen zwanzig Jahre ist das Paradebeispiel: ein kostspieliger Dauerpendel zwischen Beschleunigung und Rückkehr zur "Normalität". Er illustriert nicht Veränderung, sondern Selbstbestätigung: Das System kann sich bewegen, ohne sich zu verändern.

Was sich wirklich ändern müsste

Natürlich: Ein Bildungssystem darf sich nicht in Stillstand einmauern. Gesellschaftlicher Wandel, Digitalisierung, Migration, Inklusion - all das verlangt Anpassung. Aber Anpassung ist nicht gleich Reform. Und Reform ist nicht gleich Verbesserung.

Was fehlt, ist der Blick nach innen. Solange Unterricht selbst kaum Gegenstand ernsthafter Beobachtung, Forschung und kollegialer Reflexion ist, bleiben alle äußeren Reformen Staffage. Man kann Strukturen umstellen, Stundentafeln verschieben, Schularten umbenennen - wenn der Unterricht gleich bleibt, bleibt das System gleich.

Bewegung ohne Richtung

Reformen sind nötig, ja. Aber nicht um ihrer selbst willen. Das Bildungssystem braucht keine neuen Etiketten, sondern eine neue Ehrlichkeit: Was wirkt? Was nicht? Und wer profitiert wirklich?

Solange Reformen primär der Selbstlegitimation dienen, sind sie keine Innovation, sondern Inszenierung. Eine Bühne, auf der dieselben Rollen immer wieder neu verteilt werden - unter dem Applaus derer, die davon leben, dass sich nichts ändert.

Nicht alle Mitspieler durchschauen das Spiel, vor allem Berufsanfänger im Bildungsbereich treten oft mit naiven Ansichten an, andere haben es erkannt, machen einen großen Bogen um dieses Scheintheater, andere nutzen es in Kenntnis der Rituale und Routinen gezielt für eigene Zwecke und Fortkommen aus, häufig stammen diese aus Familien, die schon über Generationen von diesem System leben und wissen, wie der Hase läuft. Und dass sich nichts wirklich ändern wird. Der Autor wohnte einst als junger Kollege in einem süddeutschen Gymnasium mit hohem Durchschnittsalter an Konferenzen bei, in welchen ältere und erfahrene Kollegen, die das System durchschauten, neumodische Reformen als eine "neue Sau, die durchs Dorf getrieben wird" bezeichneten. Er wollte das nicht glauben, aber einige Jahre später sah er, wie rasch die Sau wenig nachhaltig rasch verwurstet wurde und nie mehr gesehen war. Beispiele gefällig? Fächerverbindender Unterricht, Freiarbeit, G8!, Portfolio-Arbeit und aus jüngerer Zeit iPad-Klassen, Fremdevaluation mit Schulportfolio. Die Liste ist lang, die Haltbarkeit gering. Mancher verdankt seine Beförderung einem solchen Borstenvieh, aber wirklich nachhaltig qualitativ besser wurde der Output schülerseitig nicht. Und jetzt soll alles wieder wie schon in Zeiten der Testtheorie und Kybernetik empirisch und quantitativ gemessen werden. Herr Schleicher lässt grü ẞ en. Die nächste Legitimationsrunde hat längst begonnen, mit der Umstellung auf G9. Und am Ende ist es Wurst/wurst, was dabei herauskommt. Hauptsache Avancements und ein stabiles System der Selbsttäuschung.

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