Schulpraxis · 3. August 2026

Schulbuch ade?

Von

DruckenPDF

KI kann Arbeitsblätter in Sekunden differenzieren und Texte an einzelne Lerngruppen anpassen. Überflüssig wird das Schulbuch dadurch nicht. Es verliert jedoch seine Rolle als Drehbuch des Unterrichts. Die entscheidende Frage ist, wer künftig Progression, Qualität und Verlässlichkeit sichert, wenn Lehrkräfte und KI immer mehr Materialien selbst erzeugen.

Schulbuch
Konzeption, Auswahl und Veröffentlichung: Volker Wacker

Generative KI kann Texte vereinfachen, Aufgaben differenzieren und Übungen in Sekunden variieren. Sie verändert damit ein Medium, das den Unterricht über Generationen geprägt hat. Doch die entscheidende Frage lautet nicht, ob das Schulbuch verschwindet. Entscheidend ist, welche seiner Funktionen Schulen weiterhin benötigen - und wer künftig die Verantwortung für deren Qualität trägt.

Das klassische Schulbuch war nie nur eine Sammlung von Texten und Aufgaben. Es bündelte Lehrplan, Stoffauswahl, fachliche Progression, Übung, Wiederholung und Prüfungsvorbereitung. Im Fremdsprachenunterricht gab es oft den Takt vor: Lektionstext, Wortschatz, Grammatik, Übungen, Klassenarbeit. In Mathematik stellte es Erklärungen und Aufgabenfolgen bereit. Im Geschichtsunterricht verband es Verfassertexte, Quellen, Karten und Bilder zu einem Deutungsangebot.

Diese Ordnung verschwindet nicht, aber sie wird durchlässiger. Viele Lehrkräfte arbeiten längst nicht mehr Seite für Seite. Sie wählen aus, kürzen, ergänzen und ersetzen. KI beschleunigt diese Entwicklung. Aus einem Arbeitsblatt entstehen mehrere Schwierigkeitsstufen, aus einem Text eine vereinfachte und eine anspruchsvollere Fassung. Eine Mathematikaufgabe lässt sich mit neuen Zahlenwerten, zusätzlichen Hilfen oder alternativen Lösungswegen vervielfachen. Das Schulbuch verliert damit vor allem eine Funktion: die des verbindlichen Drehbuchs.

Vom Lehrgang zur Ressource

Wie weit dieser Wandel reicht, unterscheidet sich nach Fach und Schulstufe. Für den Französisch- und Spanischunterricht untersuchte die Didaktikerin Manuela Franke 133 Unterrichtseinheiten an Schulen in Berlin und Brandenburg. In den beobachteten lehrwerkbasierten Phasen wurden 76,3 Prozent der Aktivitäten in Einzelarbeit, im Plenum oder in einer Kombination aus beidem durchgeführt. Nur 10,3 Prozent der Aktivitäten enthielten eine Form der Differenzierung. Die Untersuchung erfasste allerdings einzelne Stunden vor der Pandemie, keine vollständigen Unterrichtsreihen. Sie zeigt deshalb keine allgemeine Wirkung von Lehrwerken. Sie macht sichtbar, wie konventionell ihre Möglichkeiten teilweise genutzt werden. Franke 2024

Gerade im Anfangsunterricht erfüllt ein Lehrwerk dennoch eine schwer ersetzbare Funktion. Wortschatz, Grammatik, Aussprache, Hörverstehen und sprachliche Handlungen müssen über Jahre aufeinander abgestimmt werden. Eine von der KI erzeugte Vokabelliste kann sinnvoll sein. Sie sichert aber noch keine Progression, keine systematische Wiederholung und keine verlässliche Vorbereitung auf spätere Lernschritte.

Auch im Geschichtsunterricht ist das Schulbuch keineswegs bedeutungslos. Eine Befragung von Michael Sauer zeigt eine intensive, wenn auch eher konventionelle Nutzung. Im Mittelpunkt stehen Materialseiten und Verfassertexte; Sonderseiten spielen eine deutlich geringere Rolle. Das Buch dient damit weniger als lückenloser Lehrgang denn als geordneter Fundus. Sauer 2018

Für Mathematik fällt der Befund noch deutlicher aus. Lea Stallmeister und Sebastian Rezat befragten 1.101 Schüler aus der sechsten und neunten Klasse sowie der Oberstufe. Das gedruckte Mathematikbuch war in dieser Stichprobe innerhalb und außerhalb des Unterrichts die am häufigsten verwendete Ressource. Von den Nutzern griffen 76 Prozent bei Hausaufgaben darauf zurück, 82 Prozent bei der Prüfungsvorbereitung und 57 Prozent beim Nachschlagen von Regeln und Verfahren.

Der Befund braucht allerdings eine zeitliche Fußnote: Die Daten wurden 2023 erhoben, weniger als ein Jahr nach der Veröffentlichung von ChatGPT. Die Autoren weisen selbst darauf hin, dass ihre Studie die heutige Rolle von KI unterschätzen könnte. Zudem verliert das Lehrbuch mit zunehmendem Alter an Bedeutung. In der Oberstufe werden eigene Aufzeichnungen, Erklärvideos und Suchmaschinen für manche Zwecke häufiger genutzt. Stallmeister und Rezat 2026

Personalisierung verschiebt die Verantwortung

Die eigentliche Konkurrenz zum Schulbuch ist nicht das Internet. Es ist die Möglichkeit, Material unmittelbar an eine Lerngruppe anzupassen. Eine Forschungssynthese von Katharina Scheiter und weiteren Autoren nennt zahlreiche Einsatzfelder: Lehrkräfte können mit KI Unterrichtsskizzen, Übungsaufgaben, Erklärtexte und Materialien in unterschiedlichen Niveaustufen erstellen. KI kann Texte vereinfachen und bei standardisierbaren Vorbereitungs- und Organisationsaufgaben Zeit sparen. Die Handreichung betont zugleich, dass Ergebnisse geprüft und häufig überarbeitet werden müssen. Scheiter et al. 2025

Denn Personalisierung ist noch kein Qualitätsmerkmal. Eine Aufgabe kann genau zum Wortschatz eines Schülers passen und trotzdem fachlich falsch, didaktisch belanglos oder zu leicht sein. Generative Sprachmodelle liefern plausible Vorschläge, aber keine garantierte fachliche Prüfung. Je stärker Schulen auf selbst erzeugte Materialien setzen, desto mehr Verantwortung wandert deshalb zu Lehrkräften und Fachschaften.

Auch die staatliche Schulbuchzulassung bildet allerdings kein bundesweit einheitliches Qualitätssiegel. Die Länder arbeiten mit unterschiedlichen Verfahren; in manchen Ländern gibt es keine zentrale Zulassung. Kultusministerkonferenz 2026

Baden-Württemberg unterscheidet beispielsweise zwischen einem Begutachtungsverfahren und einem vereinfachten Verfahren. Beim vereinfachten Verfahren bestätigt zunächst der Verlag, dass die Voraussetzungen eingehalten werden. Es folgen formale Prüfungen und Sichtungen mit wechselnden Schwerpunkten. Anders als im Begutachtungsverfahren wird dabei nicht jedes Kriterium vollständig geprüft. Vertiefte Stichproben bleiben möglich. ZSL Baden-Württemberg

Das relativiert übertriebene Vorstellungen von behördlicher Kontrolle. Es entwertet das Schulbuch jedoch nicht. Verlage koordinieren Fachautoren, Redaktionen, Illustrationen, Karten, Hörtexte und Bildrechte. Lehrwerksreihen schaffen eine gemeinsame Referenz für Schüler, Lehrkräfte und Eltern. Sie erleichtern das Nachholen versäumter Inhalte und sichern Kontinuität bei einem Lehrerwechsel.

Wer Schulbücher ersetzt, beseitigt diese Arbeit nicht. Er verteilt sie neu. Auswahl, Prüfung, Versionierung, Speicherung und Pflege liegen dann stärker bei der einzelnen Schule oder Lehrkraft. Darin steckt ein mögliches Gerechtigkeitsproblem: Gut ausgestattete Schulen mit erfahrenen und KI-kompetenten Kollegien können hochwertige Materialsysteme entwickeln. Andernorts hängt die Qualität stärker von Zeit, Technik und den Fähigkeiten Einzelner ab.

Die Hausaufgabe verliert ihre Beweiskraft

Am deutlichsten verändert KI nicht das Schulbuch, sondern die Aussagekraft traditioneller Hausaufgaben. Nach der JIM-Studie 2025 nutzen 74 Prozent der 12- bis 19-Jährigen KI für Hausaufgaben oder zum Lernen. Ein Jahr zuvor waren es 65 Prozent. Diese Zahl belegt weder Täuschung noch die vollständige Delegation schulischer Arbeit. Sie zeigt aber, wie selbstverständlich KI Teil des Lernalltags geworden ist. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2025

Der Austausch des Buches gegen Arbeitsblätter löst dieses Problem nicht. Auch ein Blatt kann fotografiert und von einer KI bearbeitet werden. KI-anfällig sind nicht bestimmte Medien, sondern Aufgaben, die nur ein fertiges Produkt verlangen und dessen Entstehung unsichtbar lassen.

Schulen müssen deshalb stärker den Arbeitsprozess beobachten: Entwürfe, begründete Entscheidungen, individuelle Beispiele, Fehlersuche, mündliche Erläuterungen und die kritische Prüfung einer KI-Antwort. Vokabeln, Formeln und Grundwissen müssen weiterhin geübt werden. Komplexere Aufgaben verlieren jedoch ihren diagnostischen Wert, wenn unklar bleibt, wie ein Ergebnis zustande kam.

Für die Zukunft spricht deshalb einiges für ein gestuftes Modell. Ein fachlich geprüftes Kernmedium sichert Progression, Grundwissen und gemeinsame Orientierung. Digitale Plattformen stellen Quellen, Audios, Karten und Aufgabenbanken bereit. Lehrkräfte wählen daraus aus; KI hilft, Übungen und Texte an eine konkrete Lerngruppe anzupassen.

Wie dieses Kernmedium aussieht, wird vom Fach abhängen. Im Geschichtsunterricht kann eine kuratierte Quellenplattform genügen. In Mathematik bleibt eine systematische Aufgabensammlung wichtig. Im Fremdsprachenunterricht dürfte ein verbindlicher Lehrgang vor allem in den ersten Lernjahren seine Bedeutung behalten.

Das Schulbuch wird damit nicht überflüssig. Es verliert seine Stellung als alleiniger Taktgeber und wird Teil einer größeren Lerninfrastruktur. Die offene Frage lautet nicht, ob Papier oder Plattform gewinnt. Sie lautet, wer künftig die Verantwortung übernimmt, die bisher zwischen zwei Buchdeckeln gebündelt war.

Quellen und Literatur

  • Franke, Manuela (2024): Wie setzen Lehrkräfte das Lehrwerk im Französisch- und Spanischunterricht ein? Eine Studie zu Unterrichtsqualität in der Sekundarstufe I mit Fokus auf Sozialform, Binnendifferenzierung und Feedback. In: Viviane Lohe, Alfred Lindl und Petra Kirchhoff (Hrsg.): Unterrichtsqualität in schulischen Fremdsprachen. Theoretische Ansätze und empirische Ergebnisse aus den Fachdidaktiken. Münster/New York: Waxmann, S. 85-107. DOI.

  • Kultusministerkonferenz (2026): Übersicht zu Internetinformationen der Länder über zugelassene Lehr- und Lernmittel. Stand: 9. April 2026. Berlin/Bonn: KMK. Volltext.

  • Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (2025): JIM-Studie 2025. Jugend, Information, Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger. Stuttgart: mpfs. Studienseite und Volltext.

  • Sauer, Michael (2018): Wie verwenden Geschichtslehrkräfte Schulbücher? Ergebnisse einer Lehrerbefragung. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, 69 (7/8), S. 406-417. Bibliografischer Nachweis.

  • Scheiter, Katharina, Elisabeth Bauer, Yoana Omarchevska, Clara Schumacher und Michael Sailer (2025): Künstliche Intelligenz in der Schule. Eine Handreichung zum Stand in Wissenschaft und Praxis. Bonn: Rahmenprogramm empirische Bildungsforschung. Volltext.

  • Stallmeister, Lea und Sebastian Rezat (2026): The role of the mathematics textbook in times of resource diversity. In: Educational Studies in Mathematics. Online first. DOI.

  • Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung Baden-Württemberg (o. J.): FAQ zur Schulbuchzulassung. ZSL Baden-WürttembergWebseite. Abruf am 3. August 2026.